Zehntausende minderjährige Flüchtlinge sind in den letzten Jahren unbegleitet nach Europa gelangt. Viele von ihnen gelten nach wir vor als vermisst. Nimmt die schleppende Suche nach ihnen nun endlich Fahrt auf?

 Sie sind obdachlos, betteln auf der Straße für das Nötigste und müssen mit ihren psychischen Traumata alleine fertig werden: Tausende Kinder und Jugendliche, die in den letzten Jahren ohne Eltern in der EU ankamen, sind weiterhin nicht auffindbar. Geraten sie an Menschenhändler, würden die minderjährigen Migranten mitunter zur Prostitution gezwungen oder müssten für einen Hungerlohn Schulden bei ihren Schmugglern abarbeiten. Das Bild, das Federica Toscano von der Nichtregierungsorganisation "Missing Children Europe" zeichnet, ist düster. Sie will die Kinder und Jugendlichen vor dem Schlimmsten bewahren - mittels einer neuen Smartphone-App.

Kinder im Auge krimineller Netzwerke

Die Kinder verschwänden aus den unterschiedlichsten Gründen, so die Expertin. Oft scheitere es daran, dass sie bei ihrer Ankunft in Europa das komplizierte Asylsystem der EU nicht richtig erklärt bekämen. Doch selbst wenn die Kinder und Jugendlichen die Regeln durchschauten, sei das für manche Anlass unterzutauchen: "Wenn man den Kindern klar macht, dass eine Asylentscheidung in der EU schnell mal ein Jahr und der Familiennachzug meist noch viel länger dauert, dann verlieren viele Kinder den Mut", so Toscano.

Anstatt monatelang in Flüchtlingslagern in Griechenland oder Italien auszuharren, würden sie ausreißen. In der Hoffnung bei Verwandten oder Bekannten unterzukommen, machten sie sich auf die Reise quer über den Kontinent. Und einige laufen dabei Menschenschmugglern in die Arme, sagt die Kinderrechtsaktivistin: "Kriminelle Netzwerke konzentrieren sich immer stärker auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sie üben psychischen oder physischen Druck auf die Kinder aus, damit sie die Betreuungseinrichtungen verlassen."

Dabei käme den Banden zugute, dass nur in seltenen Fällen mit Nachdruck nach vermissten Flüchtlingskindern gesucht werde. Die Statistiken über vermisste unbegleitete und minderjährige Migranten seien nach der Flüchtlingswelle von 2015 wieder rückläufig, weil beispielsweise Doppelregistrierungen in verschiedenen Ländern korrigiert wurden oder manche Kinder tatsächlich wieder gefunden wurden. Trotzdem gelten in Deutschland weiterhin 5.300 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als vermisst. In Italien sind es sogar annähernd 10.000.

Schnelle Hilfe über das Smartphone

 Einen Anstieg des organisierten Verbrechens in Europa bestätigt Jari Liukku. Er leitet die Abteilung für schweres organisiertes Verbrechen der EU-Polizeibehörde Europol. 2013 habe seine Organisation gegen 3.600 kriminelle Netzwerke ermittelt, 2016 liefen bereits Untersuchungen gegen 5.000 Banden. Darunter seien etliche Ermittlungen wegen Menschenschmuggels in die EU und Menschenhandel innerhalb Europas. Auch gehe aus Europols Erkenntnissen hervor, dass die meisten Opfer sexueller Ausbeutung und moderner Sklaverei sich bereits in Europa aufhalten, bevor sie in die Fänge krimineller Organisationen geraten. Inwieweit das vermisste unbegleitete minderjährige Migranten betreffe, kann Liukku nicht sagen. Dazu fehle es europaweit an Daten. Liukku ruft daher die Mitgliedsstaaten dazu auf, vermehrt Ermittlungsergebnisse mit anderen EU-Ländern zu teilen.

Bis es soweit ist, will Federica Toscano mit der Smartphone-App "Miniila" Abhilfe schaffen. Die App ist auf Arabisch, Farsi, Tigrinya, Französisch und Englisch verfügbar. Sie soll zunächst Auskünfte über Asylrecht, Unterkunft, Verpflegung, medizinische und psychosoziale Hilfe sowie Wifi-Hotspots aus sechs EU-Mitgliedsstaaten bündeln. "Wir wollen so den Zugang zu Informationen leichter machen", erklärt Toscano. "Die Kinder können sich jetzt nicht nur bei ihrer Ankunft erkundigen, sondern immer, egal wo sie sich gerade aufhalten."

"Miniila" soll helfen, dass die oftmals traumatisierten jungen Migranten Vertrauen in öffentliche Behörden aufzubauen und ihnen so Alternativen zu Menschenschmugglern und kriminellen Banden bieten. Um die App auch für die jüngsten User zugänglich zu machen, sind zahlreiche Informationen als Videos, gesprochener Text oder Infografiken verfügbar. Die belgische Europaabgeordnete Hilde Vautmans unterstützt die App. Die liberale Politikerin setzt sich seit Jahren für die Rechte von unbegleiteten minderjährigen Migranten ein.

Umstrittene Reform des EU-Asylsystems

Aktuell arbeitet das Europäische Parlament zusammen mit dem Europäischen Rat und der Europäischen Kommission an einer Überarbeitung des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS). Dazu gehören beispielsweise die "Dublin-Verordnung", wonach das Erstankunftsland für den Asylentscheid zuständig ist, oder die systematische Erfassung von Fingerabdrücken volljähriger Asylwerber. Vautmans verfolgt bei der Reform drei Ziele: die lückenlose Registrierung aller ankommenden Kinder und Jugendlichen, eine kindgerechte Unterbringung und eine effiziente Familienzusammenführung.

Die von Vautmans geforderte Registrierung minderjähriger Migranten mittels Fingerabdrücken und Fotos wird in Brüssel heftig diskutiert. "Es ist absolut wichtig, dass das kindgerecht abläuft", betont die Abgeordnete. "Man muss ihnen erklären, dass das zu ihrem Schutz geschieht. Viele Kinder verbinden Fingerabdrücke mit Gefängnis." Die bei der Registrierung erhobenen Daten sollten auch nur zum Schutz der Kinder verwendet werden, beispielsweise wenn ein Kind vermisst wird. Denn: "Diese Kinder sind Opfer und keine Verbrecher."

Federica Toscano von "Missing Children Europe" begrüßt einerseits, dass durch Datenaustausch zwischen den Mitgliedsstaaten bereits etliche vermisste Kinder wieder gefunden wurden. Gleichzeitig befürchtet die Aktivistin, dass zusätzlich erhobene Daten nicht nur zum Wohle der Kinder eingesetzt werden können. "Aktuell geht es der Politik in erster Linie darum, die Asylzahlen zu reduzieren und die Kinder in jene Länder zurück zu schicken, wo sie herkommen sind. Die Sicherheit der Kinder hat dabei keine Priorität", so Toscano. Der Schutz unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge hänge eben trotz moderner Technologie in erster Linie vom politischen Willen ab.

Link artikel: http://www.dw.com/de/app-für-vermisste-flüchtlingskinder/a-43348910


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